Sonntag, 28. April 2013

Schätze

Als ich vor langer Zeit aus dem elterlichen Heim auszog, hatte ich einen Koffer mit ein paar Sachen dabei: ein paar Kleider, eine kleine Kochplatte, ein Brotmesser, zwei Teller und Tassen, Bücher und Stricknadeln. Was man eben braucht am Anfang. Nicht so viel. Inzwischen bin ich, ich habe nachgerechnet, noch zwölf Mal umgezogen. In dreiundzwanzig Jahren. Heute habe ich vieles, was ich nicht so dringend brauche, aber gerne bei mir habe. Beim letzten Umzug musste das alles in 270 großen Umzugskisten auf zwei großen Lastwagen befördert werden. Tja.
Ich möchte eigentlich nie wieder umziehen. Besitz belastet. Ich bewundere radikale Minimalisten wie Die Ordnungshüterin. Auch ich möchte mich von Ballast befreien. Luft haben. Aber so einfach geht das nicht, genetisch bedingt.

 
Ich stamme aus einer Familie, in der aus Prinzip nichts weggeschmissen wurde. Meine Vorfahren hatten Not erlebt und wenig Geld. Dafür verfügten sie über sehr viel Platz für alles, was sie aufheben wollten. Dachböden, Keller, Verschläge, Nebengebäude. Wurde es doch einmal eng, baute man eben an. Ein kleiner Schuppen, ein seitlicher Anbau, eine Erweiterung nach hinten zu - immer ging da noch was. Das alles war sehr weise und hatte seinen guten Sinn. Die gesamte Zeit der DDR-Mangelwirtschaft hindurch wurde in dieser Familie von Vorkriegsware gezehrt; man konnte alles noch gebrauchen und brauchte alles auf: Nägel, Werkzeuge, Stoffe, Geschirr, und Möbel hob man für die nächste Generation auf. Kleidung wurde repariert und umgeändert, und ganz am Ende noch als Putzlappen verwendet. Zuvor trennte man natürlich alles ab, was man wiederverwenden konnte: Knöpfe, Ösen, Schnallen und Haken.

 
Ich habe diese Prägung. Ich kann nichts wegschmeißen. Ich habe aber nicht so viel Platz. Das ist ein Dilemma. Das bringt mich manchmal in Bedrängnis. Da habe ich mir schon die Haare gerauft und geflucht und Besserung gelobt: Weg mit dem ganzen Krempel. Zum Glück vergesse ich in der Regel solche Pläne umgehend. In Beziehung Inkonsequenz ist auf michVerlass. Zum Glück, muss man sagen.


Diese Schatzkisten meiner Kindheit haben alle Umzüge mitgemacht und alle Entrümpelungsanfälle überlebt. Über 50 Jahre familiäres Sammlertum gerettet, gehegt und gepflegt: Knöpfe, zu denen meiner Mutter Geschichten aus ihrer Kindheit einfallen. Und mir zu meiner. Die Zwölfelfchen schwelgen in Formen und Farben und alle sind glücklich.
 
 
Was will man mehr?

1 Kommentar:

  1. Also solche Schätzchen sind doch tolle Erinnerungen. Meine Oma hatte so einen alten Nähkorb aus Holz, da waren genau solche Sachen wie bei dir auf den Bildern drinnen. Meine Güte, wie oft habe ich den ausgeleert, eingeräumt und die Sachen bestaunt und gehütet ...
    Leider gibt es diesen Nähkorb nicht mehr, ich hätte ihn gerne weiter "gehütet" :)
    Lieben Gruß
    Marion

    AntwortenLöschen